ein wiedersehen führt zum seitensprung

Ein fatales Wiedersehen.

Seit der Kindheit kennen sich die beiden nun schon, haben hundert Mal zusammen gespielt, gelacht, Blödheiten gemacht.
Aus den Augen, aus dem Sinn, sagt man und es stimmt. Sie haben sich lange nicht gesehen.
Und sich nicht vermisst.

Älter wirkt er. Aber irgendwie war er schon immer interessant anzusehen.
Er ist unglaublich charmant. Attraktiv.
Und offen für Neues, wie sich herausstellen soll ...

Nun sitzt er hier vor ihr, der Alkohol fließt wie Honig im Schlaraffenland und der Abend ist einfach perfekt. Sie fühlen sich wohl, plaudern, freuen sich über dieses unverhoffte Wiedersehen. Etwas liegt in der Luft. Und es ist zauberhaft.

Er: „Weißt du eigentlich, dass du mir immer schon gefallen hast?“
Ihre Bäckchen färben sich kirschrot bei seinen Worten, die an ihrer Seele streifen.

„Nein, das hab’ ich nicht gewusst.“

Sie lächelt, bestellt zwei Wodka Lemon,
sieht ihn an. Er lächelt zurück.
Die Zeit ist irgendwie hängen geblieben und die Welt, sie dreht sich ohne die beiden weiter.
Sie weiß, dass er eine Freundin hat.
Da, nun legt er seine Hand auf ihr Knie, nur ganz leicht. Unmerklich.
Eine Hitzewelle strömt durch ihren Bauch, sie fühlt sich wieder, als sei sie zwölf Jahre alt.
Er hat eine Freundin.

„Du hast doch eine Freundin. Oder nicht?“
Noch zwei Wodka Lemon.
Sein Blick wirkt nun abwesend, die Bewegungen schlaff, seine Aura nicht mehr ganz so glänzend.
Die Evolutionspsychologie. Sie weiß sehr gut darüber Bescheid. Alle Menschen, nein, alle Lebewesen sind von der Evolution darauf programmiert worden, für die optimale Weitergabe ihrer Erbanlagen zu sorgen, fällt ihr plötzlich ein. Warum denkt sie nun darüber nach?

„Ja, seit zehn Jahren. Aber wir stecken momentan in einer Krise.“
Er zieht seine Hand zurück. Rückzug?
Ein Seitensprung wäre doch ein Zeichen für mangelhafte Kommunikation in ihrer Beziehung.
Würde er mit ihr schlafen wollen? Sie sieht ihn an und ihr Blick gehört einer Diva.

„Wir schlafen nicht mal im selben Bett.“
Traurigkeit umfasst diesen Moment, in dem nun geschwiegen wird.
Muttergefühle steigen in ihr hoch, Schutz will sie ihm bieten und ihm Trost spenden.
Und nimmt seine Hand.

Eine Stunde später sind die beiden betrunken, palavern fröhlich über dies und über jenes.
Er findet es witzig, ihr über den Tisch Zettelchen hinzuschieben.
Sie nimmt das Stück Papier, grinsend über die Erinnerungen an ihre Schulzeit, die er in ihr geweckt hat. Kleine, geheime Botschaften.
Sie öffnet die Mitteilung.

„Willst du mit zu mir kommen?“

Ihr stockt das Blut bei dieser Idee.
Gedanken über die Psychologie kriechen wieder in ihr hoch. Wenn Frauen dem Drängen des Mannes zu leicht nachgeben, dann schließt er daraus, dass sie leicht zu haben ist. Daraus folgt, dass die Frau für ihn mehr ein Sexualobjekt darstellt, als dass sie „ehetauglich“ wäre.
Ob sie mit zu ihm kommt? Wie falsch kann das denn sein?
Moralisches Verhalten wird einem doch schon als Kind eingetrichtert! Wie kann er sie so etwas nur fragen? Vielleicht waren seine Eltern auch oft unehrlich zu ihm ... haben ihre Versprechen gebrochen, ihn damit verletzt und nun sehnt er sich danach, es anderen gleich zu tun.
Die Luft um sie beginnt zu knistern, als sie den Kugelschreiber von der Tischplatte nimmt. Flink kritzelt sie ein verschnörkeltes
„Sehr gerne“
unter seine Frage und gibt ihm den Zettel.
Nicht nachdenken.
Nur nicht zuviel darüber nachdenken.
Der Mensch sehnt sich doch so sehr nach Liebe. Spaß. Zusammengehörigkeit. Berührung. Vielleicht auch Nervenkitzel.
Und das alles ist jetzt viel stärker, als Ehrlichkeit. Loyalität. Treue.

Der Moment ist gekommen. Ihre Körper vereinen sich. Ihre Seelen leider nicht. Denn sie will Liebe. Er eigentlich Sex und so geht alles schnell vorüber.
Zu schnell ist sie wieder alleine.
Zuhause unter der Dusche überstürmen sie Zweifel.
Das schlechte Gewissen ist wie Kaugummi, der einem an der Schuhsohle klebt und der bei jedem Schritt mehr und mehr zu drücken beginnt.
Er hat eine Freundin.
Ihr eigener Schweiß riecht jetzt nach seinem.
Ein wenig Zeit verstreicht, da schreibt er ihr eine Nachricht auf ihr Handy.

„Sehen wir uns am Wochenende?“
Sie überlegt. Was soll man da nur zurückschreiben?

 

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